VOM LÜGEN UND TRÄUMEN
Roman.
Otto Müller Verlag Salzburg 2021

...In der Werkstatt sah ich weiterhin jede Geige in fast fertigem Zustand, ihr wochenlanges, monatelanges Wachsen, bevor sie plötzlich verschwand, als wäre sie über Nacht zu Staub zerfallen. Nichts blieb übrig von ihr, nichts, außer der spezielle Geruch von Holz und Lack und Rosshaaren, der in der Werkstatt hing. Es gab niemanden, der die Geigen kaufte oder dem sie von meinem Großvater geschenkt worden wären. Was also passierte mit ihnen? Ich strich um den Schuppen, die Vorhänge waren zugezogen, ich legte meine Ohren an die Wände, doch nichts war zu hören, nichts, nur wieder das Rauschen meines eigenen Bluts. An jenen Tagen, an denen eine Geige kurz vorm Abschluss stand, kam der Großvater nächtelang nicht zu uns in die Wohnung. Mutter, müde von der Arbeit in der Textilfabrik, sah in der Küche auf vom Nähzeug. Sogar ihre Augenfarbe war stumpf, so ein Putzwasserbraun, wo es doch sonst ein Kastanienbraun war, mit Goldfunken. “Lass ihn in Ruhe”, murmelte sie und blies eine blonde Strähne aus der Stirn.

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