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Birgit Müller-Wieland

Leseprobe

 

Schönste Aussicht
9. November

1

Was für ein zauberhafter Morgen!
Wir öffneten die Balkontür, traten hinaus, schauten ungläubig in dieses rosagoldfarbene Licht.
Es umspielte den ersten Schnee in diesem Jahr, der sich nachts nicht nur auf Dächer und Wege gelegt hatte, sondern auch auf die farbenflammenden Blätter der Bäume, Sträucher. Ein so noch nie gesehenes Ineinander von Herbstleuchten und Schneepoesie breitete sich vor uns aus, Orange, Gelb, Rot blitzten hervor wie unter einem endlosen Brautschleier. Und einer scheuen Zeremonienmeisterin gleich verbarg sie sich hinter den Häusern, die Urheberin des Lichts, die kalte Sonne.
Wir fröstelten und schwiegen.
Es war, als gönnte uns die Natur einen Moment des Innehaltens. Einige Minuten von Schönheit, Einklang mit der Welt.
Der Himmel über uns war von zartestem Blau, ein Blau, das sich noch nicht sicher war, das noch überlegen mußte, in welche Tiefe es gehen wollte an diesem Tag.
Schließlich drehten wir uns um, traten zögernd hinein ins Wohnzimmer, den Raum, der uns Minuten zuvor zu eng geworden war, zu berstend voll von einer Tatsache, an die zu gewöhnen wir uns noch nicht vorstellen konnten.
Noch immer war das Fernsehgerät an und mit ihm die Bilder, Zahlen, das Ergebnis eines Wahlkampfes, das für nicht möglich gehalten worden war.

2

Dieses Datum!
Nicht nur seit jenem Morgen denke ich immer wieder an all die neunten November der (deutschen) Geschichte, ihre weltverändernden Konsequenzen.
Es ist Frühling geworden, ein unverdrossener, blütenverstreuender Frühling.
Manchmal stehe ich nun sonntags inmitten von vielen Menschen und trage wie sie eine Fahne oder einen Luftballon.
Auf den Sockeln der Laternen am Münchner Opernplatz sind es immer wieder Kinder, sechs, acht oder zehn Jahre alt, die hochklettern und selbstbemalte blaue Tücher entfalten. Der Buchstabe E steht krakelig darauf und das U, beide umrahmt von wackeligen Sternen. Die Kinder schwenken die Tücher, sie lachen, und mir fällt jener eine neunte November ein, an dem die Menschen auf der Mauer tanzten, einander umarmten, besoffen vor Glück.
Ja, sie haben die schönste Aussicht auf die Sterne, das wogende Blau, die Kinder da oben auf den Laternen.

 


 

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