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Birgit Müller-Wieland

Leseprobe

 

Aus: Programmheft zu "Aventure Faust", München 2008

"Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf!"

(Mephisto zu Faust, in: Faust I)

Wir haben viel gelacht in der Schule beim Lesen von Goethes "Faust".
Wir lasen sowohl Teil I als auch II mit verteilten Rollen, und ich erinnere mich an das Geräusch, wenn wir im gleichen Augenblick umblätterten.
Außer bei Krankheit fehlte nie jemand in der wöchentlichen "Literaturpflege", die nachmittags stattfand und freiwillig war.
Das erstaunte uns selbst am meisten. Wir lasen auch andere Dramen, Tragödien, Komödien. Nie wieder aber hat uns ein Werk in diese Spannung versetzt wie der "Faust".
Warum? Vielleicht, weil wir Sechzehn-Siebzehnjährige am Sprung waren in ein neues Leben, Kindheit und Pubertät gerade abgestreift hatten, uns wiedererkannten in Fausts Wunsch nach Entäußerung, Liebesrausch, Weltflug.
Und weil der Wechsel zwischen derbem Spaß und Unglück unserer Zerrissenheit nahekam
Manchmal lachten wir nicht.
Nach Gretchens Kerker-Szene und ihrem Tod war im Klassenzimmer einige Zeit nichts zu hören.
Vielleicht das Brummen einer Fliege am Fensterglas.

Jahre später saß ich an der Universität Salzburg neben einem alten Herrn, einem emeritierten Germanistik-Professor, einstigen Rektor in Aachen und "Faust"-Spezialisten.
Alles an ihm war beeindruckend: Seine hohe Statur, sein weißes Haar, sein ruhiges, aber bestimmtes Auftreten. Sein Wissen. Und die Selbstverständlichkeit, mit der sich dieser angesehene Mann in eine Lehrveranstaltung über "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss setzte, um wie wir zu diskutieren und ein Referat zu halten.

1995, der Schock: Dieser Herr soll sich 1945 seine SS-Blutgruppen-Tätowierung aus dem Arm herausoperiert haben lassen, einen neuen Namen zugelegt, zwei Jahre später seine eigene Frau wiedergeheiratet, sein Kind adoptiert und Karriere als linksliberaler, der Aufklärung verpflichteter Germanist gemacht haben?

Als ich die ersten Ideen zum "Faust-Libretto" entwarf, fiel mir Prof. Hans Schwerte wieder ein, der sich mit "Faust und das Faustische" habilitiert hatte.
Als Hans Schneider geboren, war er 1933 in die SA eingetreten, ab 1942 SS Obersturmbannführer geworden, tätig im "Ahnenerbe" unter Heinrich Himmler.

Die letzten Jahre lebte er, nach dem Verlust von Bundesverdienstkreuz und anderen Auszeichnungen sowie seiner Beamtenpension, die er zurückzahlen mußte, als Sozialhilfeempfänger in einem bayrischen Altenheim.
Viele seiner Interpretationen deutscher Literatur (Mann, Rilke, Benn, Goethe usw.) beschäftigen sich mit den Kategorien Identitätswechsel, Maskenspielerei, Spaltung.
"Ich weiß nicht, wer Schneider ist, aber ich werde dafür geradestehen müssen", sagte er in einem Interview kurz vor seinem Tod.

Damals, als wir in Salzburg nebeneinander saßen, referierte er über den Mythos Herakles bei Peter Weiss, über den unrühmlich endenden, doch Größe bewahrenden Halbgott Herakles, der zuletzt seinen Sitz im Olymp erhält, als einziger Sterblicher inmitten der Götterwelt.
So wie an dieser mythischen Figur interessierte Schwerte/Schneider an literarischen Figuren quer durch die Epochen das, wie er es nannte, "Biforme", das Zwittrige.
Im Faust sah er "das unaufhebbare Widersprüchliche der modernen Existenz", erkannte er den "neue(n) Mythos von dem alles überfliegen wollenden Heros, den Absturz willentlich und selbstbewußt einkalkuliert".

1999 ist Hans Schwerte/Schneider gestorben.
Heute kann nur mehr mit dem Wissen um sein erstes Leben seine germanistische Arbeit gelesen werden, die sich als geheime und besondere Kommunikation mit ihrem Autor entpuppt, als eine Art offene Tarnung.
Bei Goethe ist Faust am Ende blind, mit Schwerte/Schneiders Worten "der je maßlos Strebende, ohne Selbst-Beschränkung, immer dem Irrtum, dem tödlichen, ja tötenden Irrtum verhaftet".

 

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