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Birgit Müller-Wieland

Leseprobe

 

Aus: Das neapolitanische Bett, Berlin 2005

Bianca

Bianca kannte sich aus mit Wasser und Fischen, seitdem sie vor langer Zeit eines Nachts im Golf bei Capri in ein Unwetter geraten und mit anderen über Bord eines Kutters geschleudert wurde.
Mit zwei Zähnen weniger und scheinbar tot spülte das Meer sie wie einst die Sirene Parthenope an Neapels Strand, wo sie von einigen Jungen gefunden wurde, die sie von weitem für ein Bündel Lumpen auf einem Holzbrett hielten.
"Da seid ihr ja", lispelte sie.
Die Jungen, die anderes zu fürchten gewohnt waren als Angeschwemmtes, erschraken. Vielleicht erschraken sie, weil das Bündel ein Mensch war, der lebte und sprechen konnte, wenn auch nicht auszumachen war, aus welchem Teil des Vorhangs aus Tang diese hohe Stimme kam.

Vielleicht wichen sie aber auch erst zurück, als Bianca ihnen ihr Gesicht entgegenhob, ein vogelartiges Antlitz, das einen merkwürdigen Kontrast zu ihrer Mädchenstimme bildete.

Auf jeden Fall sah die Schiffbrüchige in ihnen etwas anderes, als sie waren, und vielleicht war dies der größte Schrecken.

Schon liefen sie, so schnell sie konnten.
Aber im Viertel erzählten sie es natürlich gleich, und so fand sich Bianca bald darauf in einem Haus auf einem Bett wieder und sollte sich erklären.

Nach mehreren Versuchen der Umstehenden schloß sie die Augen und fiel in einen langen Schlaf.
Der herbeigerufene Arzt, ein Carabinieri und die Familie des Hauses starrten sie eine Weile an, wedelten mit den Handgelenken, rollten die Augen und verbrachten die halbe Nacht auf der Piazza.
Die Überreste des Kutters sowie mehrere Leichen wurden einige Tage danach gefunden.
Was hatte die Frau auf diesem Boot zu schaffen gehabt?
Man fand nur Männer. Sie wurden angeschwemmt, sechs tote Männer, und Bianca schüttelte den Kopf, nein, sie erkannte keinen, und sie konnte auch nicht sagen, ob es noch andere gegeben habe, und auch nicht, warum einer von ihnen ein Loch hatte. In der Stirn. Es sah wie ein drittes Auge aus.
Und wen das Meer sonst noch verschluckt hatte: Auch das blieb seine Geheimnis.

 

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